Umso mehr ich weiß

Die Wand #1
Phteven, ein oft gesichtetes Wesen in unserer WG, war zu Besuch und half die noch nackten Flip-Papiere an die Wand zu kleben. Die Frage nach dem ersten Gedanken, der darauf festgehalten werden sollte, fiel uns überraschend leicht. Es sollte etwas sein, das zeigt, dass wir uns mit den „ganz wichtigen Dingen im Leben“ beschäftigen. Das Gsatzl von Sokrates „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ war ziemlich weit vorne im Rennen, doch verlief sich die Diskussion schnell in eine Grundsatzdebatte.

Denn, wenn ich nichts weiß, dann hab ich kein gesichertes Wissen und kann eben auch nicht wissen, dass ich nichts weiß. Also müsste es dann nicht heißen „Ich weiß nicht, dass ich nichts weiß“? Ahm… Das wär so auch nicht richtig.
Also stuften wir Sokrates Weisheit auf, was es einerseits entschleunigt, aber unserer Meinung nach, doch etwas vertieft: „Umso mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, dass ich nichts weiß.“ Unsere persönliche Untermauerung und Interpretation dieses Zitates, zog sich mehrere Gläser Wein und Bier…

Umso mehr ich mich weiterbilde, desto unsicherer bin ich mir, was ich weiß. Nochmal anders erklärt: Desto mehr glaube ich, dass zum Beispiel jede Erkenntnis auf diesem Planeten reine Spekulation ist. Woher willst du wissen, dass in drei Sekunden die Schwerkraft immer noch wirkt? Weil es immer so war? Bekommt man durch das Studium die Erkenntnis, dass man eigentlich dumm ist, oder ist man es vor allem auf Grund derartiger verkopfter Diskussionen?

Die Zweifel an meinem Wissen und dadurch an meinem Studium und dadurch an mich selbst, lassen sich auf eine zweite Hypothese ableiten: Umso mehr ich mich weiterbilde, desto mehr Zweifel bekomme ich. Die Kausalität von Zweifel und Studieren ist unumstritten, weshalb sich ein paar Wochen später links das „Kleingedruckte“ hinzugesellte.

„Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei and Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh‘ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Heiße Magister, heiße Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr‘
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum(…)“ (Monolog von Faust)

Wie sinnvoll unser Studium ist, sei einmal dahin gestellt. Ob ich als Taxifahrerin trotzdem froh sein würde, dass ich studiert habe, würde ich sowieso erst in ein paar Jahren erfahren. Aber das Abwägen zwischen Wissensgewinn und Wissensverlust bringt uns an dieser Stelle auf eine Metaebene, die nie eine Lösung hervorbringen wird. Vielleicht ist das (Nicht-)Wissen, dass wir nichts Wissen können, eine unangenehme Nebenwirkung vom Wissen, welches wir glauben zu wissen. Das ich mittlerweile mit dem Zitat nicht mehr happy bin, ist wohl nach diesen wirren Sätzen für Einige, aber eher für Wenige nachvollziehbar. Ob‘s euch interessiert oder nicht, mittlerweile müsste ich es wie folgt formulieren, um meinen Hirngatsch satisfien zu können.

Conclusio: Umso mehr ich glaube zu wissen, desto mehr glaube ich zu wissen, dass ich nichts zu wissen scheine.

 

Dieser Text ist aus der Reihe „Die Wand“. Eine von uns mit Zitaten vollgekritzelte Flip-Papier-Wand.

MAGDA

MAGDA

Studiert PPÖ und KoWi, hört gerne Radiowecker ab fucking 5:30 Uhr, ist mega unordentlich und oft viel zu ehrlich. Sie trinkt Bier im Übermaß und ist alles andere als fähig, Entscheidungen zu treffen. Dekoriert gern die ganze Wohnung mit ihren Haaren.

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